KI-Integration in Bestandssoftware: Praxisbeispiele für den Mittelstand
von Viktor Eigenseer, Software Architect & Gründer
KI im Mittelstand: Weniger Hype, mehr Praxis
KI im Unternehmen – das klingt nach ChatGPT, selbstfahrenden Autos und Millionen-Budgets. In der Praxis sieht es zum Glück anders aus.
Die wertvollsten KI-Anwendungen in bestehender Software sind unspektakulär: Sie sparen Zeit, reduzieren Fehler und brauchen weder ein Data-Science-Team noch Millionen-Budgets.
Hier sind fünf Anwendungsfälle, die wir in der Praxis umsetzen.
Anwendungsfall 1: Intelligente Dokumentenverarbeitung
Das Problem
Ein Entsorgungsbetrieb erhält täglich 80–120 Aufträge per E-Mail und PDF. Mitarbeiter öffnen jedes Dokument, lesen die relevanten Daten ab und tippen sie ins System ein. Pro Auftrag: 5–8 Minuten. Pro Tag: 8–12 Stunden reine Dateneingabe.
Die Lösung
Ein KI-Modul wird an das bestehende E-Mail-System angebunden:
- Eingang: E-Mails mit Auftragsanhängen werden automatisch erkannt
- Extraktion: KI liest die PDFs und extrahiert Kunde, Adresse, Menge, Termin
- Validierung: Daten werden gegen Bestandskunden geprüft und dem Mitarbeiter zur Bestätigung vorgelegt
- Übernahme: Nach einem Klick landen die Daten im System
Das Ergebnis
- Zeitersparnis: 6–8 Stunden pro Tag
- Fehlerquote: Reduziert von ~5 % auf unter 1 %
- Investition: Einmalig 8.000–12.000 € + 200 €/Monat API-Kosten
- ROI: Nach 2–3 Monaten
Anwendungsfall 2: Automatisierte Release Notes und Dokumentation
Das Problem
Die Software wird regelmäßig weiterentwickelt, aber die Dokumentation hinkt immer hinterher. Neue Mitarbeiter brauchen Wochen, um sich einzuarbeiten, weil niemand aufgeschrieben hat, was das System eigentlich tut.
Die Lösung
KI analysiert automatisch:
- Git-Commits und Pull Requests → generiert verständliche Release Notes
- Code-Änderungen → aktualisiert technische Dokumentation
- Benutzeroberflächen → erstellt Bedienungsanleitungen mit Screenshots
Die Dokumentation wird bei jedem Release automatisch aktualisiert und im Firmen-Wiki veröffentlicht.
Das Ergebnis
- Dokumentationsaufwand: Von 2 Tagen pro Release auf 30 Minuten Kontrolle
- Onboarding neuer Mitarbeiter: Von 4 Wochen auf 1 Woche
- Investition: Einmalig 5.000–8.000 € für die Integration
- ROI: Sofort, schon beim nächsten Release
Anwendungsfall 3: Intelligenter Kunden-Support
Das Problem
Ein Softwareunternehmen erhält täglich 40–60 Support-Anfragen per E-Mail. Die meisten sind wiederkehrende Fragen, die ein erfahrener Mitarbeiter in 2 Minuten beantworten kann – aber der erfahrene Mitarbeiter hat nur begrenzt Zeit.
Die Lösung
Ein KI-gestütztes Support-System:
- Analyse: Jede eingehende E-Mail wird analysiert und kategorisiert
- Antwort-Vorschlag: KI erstellt auf Basis der Wissensdatenbank einen Antwort-Entwurf
- Review: Ein Mitarbeiter prüft und passt an (statt von Null zu formulieren)
- Lernen: Korrekturen fließen zurück und verbessern zukünftige Vorschläge
Das Ergebnis
- Antwortzeit: Von durchschnittlich 4 Stunden auf 45 Minuten
- Support-Kapazität: Verdoppelt, ohne neue Mitarbeiter
- Kundenzufriedenheit: Deutlich verbessert (schnellere Antworten = zufriedenere Kunden)
- Investition: 6.000–10.000 € + 300 €/Monat
- ROI: Nach 3–4 Monaten
Anwendungsfall 4: Predictive Maintenance für Produktionssoftware
Das Problem
Ein Produktionsbetrieb nutzt Software zur Maschinensteuerung. Ausfälle kosten 5.000–20.000 € pro Stunde. Wartung passiert entweder zu früh (teuer) oder zu spät (sehr teuer).
Die Lösung
KI analysiert die Maschinendaten, die bereits im System vorhanden sind:
- Sensordaten (Temperatur, Vibration, Drehzahl) werden kontinuierlich ausgewertet
- Muster werden erkannt, die auf bevorstehende Ausfälle hindeuten
- Warnungen werden 2–7 Tage vor dem erwarteten Problem ausgegeben
- Wartung kann geplant statt ungeplant durchgeführt werden
Das Ergebnis
- Ungeplante Ausfälle: Reduziert um 60–70 %
- Wartungskosten: Gesenkt um 25–30 %
- Investition: 15.000–25.000 € für Analyse und Integration
- ROI: Nach 4–6 Monaten (ein verhinderter Ausfall finanziert das Projekt)
Anwendungsfall 5: Intelligente Datenanalyse und Berichtswesen
Das Problem
Geschäftsführer und Abteilungsleiter brauchen regelmäßig Auswertungen. Die werden entweder manuell in Excel erstellt (zeitaufwändig) oder es gibt starre Reports, die nie genau die Fragen beantworten, die gerade relevant sind.
Die Lösung
Eine KI-gestützte Analyse-Schicht auf der bestehenden Datenbank:
- Natürliche Sprache: „Zeig mir die Umsätze nach Region für Q4, verglichen mit dem Vorjahr"
- Automatische Visualisierung: Diagramme und Tabellen werden passend generiert
- Anomalie-Erkennung: Ungewöhnliche Abweichungen werden proaktiv gemeldet
- Regelmäßige Zusammenfassungen: Wöchentliche Berichte werden automatisch erstellt
Das Ergebnis
- Berichtszeit: Von Stunden auf Sekunden
- Datengetriebene Entscheidungen: Auch ohne BI-Abteilung
- Investition: 10.000–15.000 € für die Integration
- ROI: Schwer zu beziffern, aber der Wert besserer Entscheidungen ist enorm
Aus unserer Praxis
Drei Beispiele, bei denen wir KI in bestehende Software integriert haben:
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Bestellvorschläge per KI: Bei Schuster Haustechnik analysiert KI den Materialverbrauch über 3 Standorte und schlägt Bestellungen vor, bevor etwas fehlt. Fehlbestände sind von 35–45 auf 8–10 pro Monat gesunken. → Zur Case Study
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Angebote schneller erstellen: Bei Bauer Metallbau schlägt KI passende Positionen und Preise aus vergangenen Angeboten vor. Pro Angebot spart das 30 Minuten – bei 15 Angeboten pro Woche eine knappe Tagesschicht. → Zur Case Study
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Automatisierte Kundenkommunikation: Bei Reiser Reisen übernimmt KI die Aufbereitung von Buchungsbestätigungen und Statusmails an 800 Kunden – personalisiert und in Echtzeit aus dem Dashboard heraus. → Zur Case Study
Was alle Beispiele gemeinsam haben
Keiner dieser Anwendungsfälle erfordert:
- Ein Data-Science-Team
- Millionen-Budgets
- Eine komplett neue Software
- Monatelange Implementierung
Stattdessen wird KI in die bestehende Software integriert – als zusätzliche Fähigkeit, nicht als Ersatz. Die bestehende Infrastruktur, die bestehenden Daten und die bestehenden Prozesse werden genutzt und erweitert.
Der pragmatische Einstieg
Wenn Sie KI in Ihre Bestandssoftware integrieren möchten, empfehlen wir diesen Weg:
Schritt 1: Zeitfresser identifizieren Wo verbringen Ihre Mitarbeiter die meiste Zeit mit repetitiven Aufgaben? Dort liegt das größte Potenzial.
Schritt 2: Datenqualität prüfen KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie arbeitet. Sind die relevanten Daten vorhanden und strukturiert?
Schritt 3: Kleines Pilotprojekt starten Ein Anwendungsfall, ein überschaubares Budget, ein messbares Ergebnis. Nicht alles auf einmal.
Schritt 4: Messen und entscheiden Hat das Pilotprojekt den erwarteten Nutzen gebracht? Dann ausweiten. Wenn nicht, aus den Erkenntnissen lernen.
Fazit
KI in bestehender Software lohnt sich dann, wenn man klein anfängt und konkret misst. Kein Forschungsprojekt, kein Komplettumbau – ein Anwendungsfall, ein messbares Ergebnis, und dann entscheiden, ob man weitermacht.
Wo könnte KI in Ihrer Software am meisten bringen? Finden wir es gemeinsam heraus →
